Wurzelzieher

Inhalt

Industrielle Revolution

Begriffsgeschichte

Die Entstehungsbedingungen in Großbritannien

Landwirtschaftlicher Vorlauf

Wirtschaftswandel im Zeichen des technischen Fortschritts

  

Beginnendes Maschinenzeitalter

  

Die Spinnmaschine und der mechanische Webstuhl

  

Die Dampfmaschine

  

Kohleabbau und Schwerindustrie

Entwicklung der Verkehrswege und Verkehrsmittel

  

Die Eisenbahn

  

Die Dampfschifffahrt

Kapitalismus im Werden

  

Kapitalbildung

  

Neue Formen der industriellen Produktion

  

Entstehung des Arbeitsmanagements

Sozialer Wandel und politische Folgen

  

Bevölkerungswachstum in gewandelter Umwelt

  

Urbanisierung und proletarische Existenzbedingungen

  Widerstände und Reformansätze
  

Revolutionslehre nach Marx und Engels

  

Entwicklung des Lebensstandards

Rezeptions- und Deutungsaspekte

Literatur

Siehe auch/ Weblinks/ Einzelnachweise

 

 

Industrielle Revolution

Sozialer Wandel und politische Folgen

Widerstände und Reformansätze

Die mit der Industriellen Revolution sich ausbreitende kapitalistische Produktionsweise erzeugte die besagten krisenhaften Soziallagen und führte zu dauerhaften und teilweise explosiven Gegensätzen zwischen den davon betroffenen pauperisierten und proletarisierten Teilen der Gesellschaft einerseits und den insbesondere als Fabrikherren verhassten Unternehmern andererseits. Kritik und Widerstand riefen nicht nur die Verbreitung von Kinder- und Frauenarbeit unter inhumanen Bedingungen hervor, sondern auch das neue strikte Fabrikregime, das die aus handwerklichen oder landwirtschaftlichen Arbeitszusammenhängen stammenden Arbeitskräfte einer ungewohnten industriellen Zeitdisziplin unterwarf. „Die Bedingungen des Lohnarbeitsverhältnisses konnten vom Arbeitgeber einseitig diktiert werden, weil Koalitions-, Streik- und Tarifvertragsrecht weitgehend fehlten. Schutz vor den Grundrisiken des Daseins (Krankheit, Unfall, Alter, Arbeitslosigkeit) gab es für die aus herkömmlichen sozialen Bindungen herausgelöste Lohnarbeiterschaft nicht.“

An der Wende vom 18. zum 19. Jahrhundert kam es in England zu erheblichen Widerständen und Protestaktionen gegen die der gewerblichen Heimarbeit das Wasser abgrabende Ausbreitung fabrikmäßiger Maschinenarbeit. Der Produktpreis, den die Heimwerker für ihre Erzeugnisse erzielen konnten, richtete sich unterdessen nach dem des jeweils billigsten Maschinenfabrikats. Die Maschinen verdarben also den Heimarbeitern den Lebensunterhalt; und gegen sie richtete sich dann auch sehr direkt der zeitweise in Maschinenstürmerei mündende Zorn von Spinnern, Webern und Färbern. Zum Kulminationspunkt dieser Form des Widerstands wurde die Erhebung der Ludditen in den Jahren 1811 und 1812, die von Nottingham ausgehend in ganz England Anhänger fand und zur Zerstörung zahlreicher Woll- und Baumwollspinnereien führte. Erst massive Militäreinsätze und die drakonische Bestrafung der Beteiligten durch Hinrichtung oder Zwangsverbringung nach Australien ließen diese Bewegung abebben.

Eine neue, massenhafte Dimension erhielt die industrielle Protestbewegung 1819 in Manchester, wo sich auf dem St. Peters Field 100.000 Menschen zu einer friedlichen Demonstration zusammenfanden. Als diese Versammlung plötzlich von einer Bürgergarde mit Schusswaffen attackiert wurde, kam es zu 11 Toten und 150 bis 200 Schwerverletzten. „Die nun folgenden nationenweiten Sympathie- und Solidaritätsbekundungen mit den ‚Helden von Peterloo’ – wie diese in Anlehnung an die kurz zuvor erfolgte Schlacht bei Waterloo genannt wurden – trugen ganz wesentlich dazu bei, die Probleme der industriellen Arbeiterschaft in das öffentliche Bewußtsein zu rücken und sich mit ihren Forderungen auseinanderzusetzen.“

Erneut war es 1842 im Umkreis von Manchester, in Ashton-under-Lyne, dass eine Widerstandsaktion hohe Wellen schlug. Es handelte sich zunächst um eine Sabotageaktion zur Unterbrechung des maschinellen Arbeitsablaufs, indem die Arbeiter an vielen Stellen die Stöpsel der Dampfkessel herauszogen. Auch diese Aktion fand weithin Beachtung, veranlasste einen großen Streik in der gesamten mittelenglischen Textilindustrie und löste die Forderung nach einem nationalen Generalstreik aus.


Unter dem Eindruck der unhaltbaren Zustände in den Fabriken und der oft spontan und unkalkulierbar sich äußernden Widerstände kam es seit Beginn des 19. Jahrhunderts zu politischen Vorgaben bezüglich der neuen Arbeitsverhältnisse. Das Parlament erließ ab 1802 eine Serie von Factory Acts, die die Arbeitszeiten von Kindern, Jugendlichen und Frauen beschränkten. Sie erhielten aber erst durch die Schaffung von Fabrikinspektoren (1833), die deren Einhaltung kontrollieren sollten, begrenzte Wirksamkeit.

Nach Wegen zu einer für die industrielle Lohnarbeiterschaft auskömmlichen Existenz suchte der vom Lehrling in der Textilbranche zum Fabrikleiter aufgestiegene Robert Owen, der nach einigen Jahren Vorerfahrung in Manchester um 1800 die Baumwollfabrik seines Schwiegervaters im schottischen New Lanark übernahm und zum viel besuchten Musterbetrieb ausbaute. Dort wurde nicht nur Kinderarbeit bis zum Alter von zehn Jahren unterbunden, sondern auch eine Schule für die Arbeiterkinder ab zwei Jahren eingerichtet. Die Arbeitszeit in der Fabrik wurde auf 10,5 Stunden begrenzt (üblich waren zu der Zeit 13-14 Stunden); Wohnraum und täglicher Bedarf wurden auf dem Gelände zu erschwinglichen Preisen angeboten; Ansätze zu einer Absicherung von Alter und Krankheit der Lohnarbeiter gab es ebenfalls. Das Unternehmen florierte unter diesen Bedingungen und seine Konkurrenzfähigkeit stand nicht in Frage, da Owen auch produktionstechnisch einigen Erfindungsreichtum an den Tag legte. Die Modellhaftigkeit dieses Ansatzes sprach sich so weit herum, dass sogar habsburgische Prinzen und Zar Nikolaus I. New Lanark aufsuchten.

Unter dem Eindruck der Initiativen Owens haben zu Beginn der 1820er-Jahre Handwerker erste Kooperativen gegründet, deren Mitglieder einander u. a. bei der Wohnraumbeschaffung, bei Krankheit, Arbeitslosigkeit und im Alter unterstützten und eine gemeinsame Kinderbetreuung organisierten. In den 1830er-Jahren nahm die Gewerkschaftsbewegung in den Trade Unions Gestalt an, die gegen die „tyrannei der Meister und Fabrikbesitzer“ gerichtet war und als Interessenvertretung der Lohnarbeiterschaft auch politische Forderungen, etwa im Hinblick auf das Wahlrecht zum britischen Unterhaus erhob.

Doch auch nach der Wahlrechtsreform von 1832 blieb das mittellose Proletariat ohne Stimmrecht, während die betuchteren Städter nun zur Wahl zugelassen wurden, auch wenn sie ohne eigenes Hauseigentum zur Miete wohnten. Die danach sich formierende Bewegung der Chartisten forderte in der People’s Charter 1838 das allgemeine Wahlrecht (für Männer). Zudem wurden Forderungen nach dem Achtstundentag und nach einer Reform des Armenrechts erhoben, sodass eine breite Unterstützung der Chartisten auch seitens der Gewerkschaften bestand. Die auf dieser Grundlage mehrmals dem Unterhaus vorgelegten und mit Massendemonstrationen bekräftigten Petitionen blieben in der Kernfrage des Wahlrechts jedoch erfolglos, während in Sachen Arbeitszeitverkürzung 1847 mit der gesetzlichen Einführung des 10-Stunden-Tags wenigstens ein Teilerfolg zustande kam.

 

 

 

 

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