Wurzelzieher

Inhalt

Industrielle Revolution

Begriffsgeschichte

Die Entstehungsbedingungen in Großbritannien

Landwirtschaftlicher Vorlauf

Wirtschaftswandel im Zeichen des technischen Fortschritts

  

Beginnendes Maschinenzeitalter

  

Die Spinnmaschine und der mechanische Webstuhl

  

Die Dampfmaschine

  

Kohleabbau und Schwerindustrie

Entwicklung der Verkehrswege und Verkehrsmittel

  

Die Eisenbahn

  

Die Dampfschifffahrt

Kapitalismus im Werden

  

Kapitalbildung

  

Neue Formen der industriellen Produktion

  

Entstehung des Arbeitsmanagements

Sozialer Wandel und politische Folgen

  

Bevölkerungswachstum in gewandelter Umwelt

  

Urbanisierung und proletarische Existenzbedingungen

  

Widerstände und Reformansätze

  

Revolutionslehre nach Marx und Engels

  Entwicklung des Lebensstandards

Rezeptions- und Deutungsaspekte

Literatur

Siehe auch/ Weblinks/ Einzelnachweise

 

 

Industrielle Revolution

Sozialer Wandel und politische Folgen

Entwicklung des Lebensstandards

Den beabsichtigten umfassenden Resonanzboden für das Kommunistische Manifest sollte die Industrialisierung erst nach dessen Erscheinungsjahr 1848 schaffen. Denn zu dieser Zeit gab es einzig in England ein örtlich massenhaft konzentriertes und teilweise in größerem Umfang organisiertes Industrieproletariat. In Deutschland und Frankreich stand die Industrialisierung noch im Anfangsstadium, während die 1848/49 weite Teile Europas erfassende Revolutionsbewegung wesentlich auf die Durchsetzung bürgerlicher Freiheitsrechte gegen Feudalreaktion und monarchische Herrschaftsregime in der Ära der Heiligen Allianz gerichtet war.

Wie die britische Wirtschaftsentwicklung der auf dem europäischen Kontinent um Jahrzehnte vorauslief, so auch die Veränderungen der Sozialstruktur und der proletarischen Existenzbedingungen. Deshalb stand auch zunächst die Entwicklung des Lebensstandards der britischen Arbeiterschaft im Zuge der Industriellen Revolution – wie bei Engels – im Mittelpunkt des Interesses der zeitgenössischen Beobachter. Unter Wirtschafts- und Sozialhistorikern ist es darüber zu einer ausgedehnten Kontroverse gekommen.. Die Kontrahenten der Debatte wurden zwei „Lagern“ zugeordnet, einerseits den Pessimisten und andererseits den Optimisten, abhängig davon, ob sie während der englischen Frühindustrialisierung eine Verschlechterung oder eine Verbesserung des Lebensstandards voraussetzten.

Eine Studie von Peter Lindert und Jeffrey Williamson aus dem Jahr 1983 schätzte die Entwicklung der Reallöhne zwischen 1755 und 1851 in mehreren Berufen und kam zu dem Ergebnis, dass Löhne von 1781 bis 1819 nur leicht anstiegen, im Zeitraum 1819-1851 sich hingegen verdoppelten. Diese Sicht wurde von anderen Ökonomen teilweise in Frage gestellt. Charles Feinstein verwendete einen anderen Preisindex als Lindert und Wiliamson und meinte, dass der Anstieg der Löhne deutlich geringer gewesen sein müsse. Der Ökonom Nicholas Crafts schätzte, dass das Pro-Kopf-Einkommen in England von 400 US$ im Jahr 1760 über 430 $ im Jahr 1800 und 500 $ im Jahr 1830 auf 800 $ im Jahr 1860 anstieg. Das Einkommen der ärmsten 65 % der Bevölkerung stieg laut diesen Schätzungen von 1760 bis 1860 um über 70 %. Dies begründet in der langfristigen Perspektive eine optimistische Sicht.


Der zunächst schleppende Anstieg lässt jedoch auch pessimistische Folgerungen zu. Beispielsweise könnte sich angesichts des von Craft geschätzten niedrigen Einkommenswachstums von 0,3 % pro Jahr bis 1830 die Lage der Arbeiter bis dahin durchaus verschlechtert haben. Mokyr zeigte in einer Simulation, dass ohne den technologischen Fortschritt das Bevölkerungswachstum den Lebensstandard deutlich gesenkt hätte. Eine Schätzung, die besagt, dass die Lebenserwartung in England zwischen 1781 und 1851 um 15% stieg, ist umstritten. Allein die USA aber konnten unter den westlichen Gesellschaften des frühen 19. Jahrhunderts, so Osterhammel, ihren Bürgern „eine energetisch mehr als minimal ausreichende“ Nahrungsmittelversorgung bieten.

Die meisten Wirtschaftshistoriker stimmen darin überein, dass die Einkommensverteilung zwischen 1790 und 1840 ungleicher wurde. „Was die Anteile am Sozialprodukt betrifft, steht fest, dass die Steigerung der Kapital- und Renteneinkommen weit über und jene der Lohneinkommen weit unter der Steigerung des durchschnittlichen Pro-Kopf-Einkommens lag.“ Berücksichtigt man die Folgen von Arbeitslosigkeit, Umweltverschmutzung und Bevölkerungsdichte, erscheint eine zeitweilige Verschlechterung des Lebensstandards plausibel. Teilweise wird argumentiert, dass eine Reihe von Kriegen (Amerikanische Revolution, Napoleonische Kriege, Britisch-Amerikanischer Krieg) die positiven Effekte dämpften.

Weitere Studien bekräftigen die Sicht einer zunächst nur geringen Anhebung des Lebensstandards. So verbreitete sich die Modernisierung in England nur langsam. Feinstein konstatierte eine nur schwache Steigerung des Konsums bis 1820, danach eine schnelle. Gregory Clark konstatiert, dass es zwischen den 1760er- und 1860er-Jahren keinen rapiden Anstieg der Prokopf-Einkommen gegeben habe. Paulinyi resümiert: „Insgesamt scheint jedoch die Position der Pessimisten realistisch zu sein, wonach für die Mehrheit der Fabrikarbeiter, die mit ihrem Lohnniveau nicht nur über dem Agrarproletariat, sondern auch über der Masse der sogenannten ‚arbeitenden Armen‘ standen, bis in die 1840er-Jahre eine Verschlechterung der Lebensbedingungen kennzeichnend war.“ Ähnlich heißt es bei Osterhammel: „Insgesamt verbesserte sich das Leben der arbeitenden Bevölkerung in England zwischen 1780 und 1850 nicht. Danach zogen die Löhne deutlich an den Preisen vorbei, und die Lebenserwartung begann allmählich zu steigen.“

 

 

 

 

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