Wurzelzieher

Inhalt

Aufklärung

Zum Begriff und seiner Verwendung

  

Epochenbildung

Felder und tragende Kräfte der Aufklärung
  

Theologie

  

Jurisprudenz, Staatstheorie

  

Medizin und Naturphilosophie vor der Etablierung der Naturwissenschaften

  

Die Ökonomie sprengt das alte Fakultätengefüge

  

Geschichtswissenschaft

  

Belletristik und Schöne Künste

  

Gesellschaftliche Resonanz

  

Politik

Von der Formulierung der Aufklärung bis zur Fortführung ihres Projektes

  

Nietzsches Zwiespalt

  

Fortsetzung und Kritik der Bürgerlichkeit bei Marx und Engels

  

Max Weber: Aufklärung als Entzauberung der Welt durch Intellektualisierung

  

Horkheimer/Adorno: Dialektik der Aufklärung

  

Arendts Konzept politischer Gleichheit ohne gesellschaftliche Angleichung

  

Habermas: Aufklärung als unvollendetes Projekt der Moderne

Zitate/ Siehe auch/ Werke

Literatur/ Weblinks/ Einzelnachweise

 

 

Aufklärung

Felder und tragende Kräfte der Aufklärung

Deutsche und englische Titel-Statistik, 1500-1699. Die Ausschläge folgen historischen Ereignissen.

Londons Buchangebot im Jahr 1700 nach den Angaben der Term Catalogues (die „Reprinted“ section ist hier aufgelöst, im heutigen Sinne literarische Titel sind herausgezogen, noch fehlt ihnen die einheitliche Kategorie).

Die englische Buchproduktion explodiert in den 1760ern.

Größere technologische und politische Umwälzungen erlauben es, die Frühe Neuzeit gegenüber dem Mittelalter auf der einen und dem 19. Jahrhundert auf der anderen Seite abzugrenzen: Der Buchdruck brachte ab etwa 1500 eine neue Öffentlichkeit hervor. Der Entdeckung Amerikas 1492 folgte eine Neuorganisation des europäischen Mächtegewichts. Die Reformation veränderte ab den 1520ern Europas Bündniskonstellationen und das Verhältnis des Staates zu seinen Bürgern. Auf der anderen Seite kam mit dem 19. Jahrhundert ein neuer Typus des Nationalstaats auf, der die Säkularisation durchsetzte, moderne Bildungssysteme etablierte und die Industrialisierung vorantrieb.

Beim Begriff der Aufklärung geht es nicht nur um eine Epoche, deren Hauptakteure sich selbst darin wiederfanden (die spezifische Benennung wurde erst spät gefunden), es geht wesentlich um die Prozesse zwischen diesen frühneuzeitlichen Eckpunkten. Man versucht die fortschrittlichen Faktoren zu definieren, die in das 19. Jahrhundert führten. Widerstände gegen diesen Fortschritt werden anti-aufklärerischen Kräften oder unreflektierten Traditionen zugeordnet. Die Epochendefinition rückt vor allem publizistisch tätige Gruppen in den gesellschaftlichen Fokus: Wissenschaftler, Journalisten, Autoren, Regenten, die Traditionen der Kritik unterzogen, indem sie sich auf die Vernunftperspektive beriefen.

Eine eigene Welle aufklärerischer Aktivität ergänzte im weiteren Verlauf die primär wissenschaftlichen Diskussionsfelder um Bestrebungen, das Wissen der Zeit in die breite Bevölkerung hineinzutragen – mittels neuer Bildungssysteme, neuer Pädagogik, durch die Publikation von Büchern und Journalen, die von einer breiteren Öffentlichkeit gelesen wurden. Die damaligen öffentlichen Diskussionen politischer und gesellschaftlicher Prozesse spielen eine zentrale Rolle in der aktuellen Definition der Aufklärung (wohingegen etwa das Zeitalter des Barocks stärker über heutige Geschmacksurteile definiert wird).

Die Verbreitung der Lesefähigkeit bot dafür eine wichtige Voraussetzung. Die Reformation brachte in den protestantischen Ländern einen Schub mit Aufrufen, eine persönliche Beziehung zur Bibel herzustellen, und mit einer eigenen Kultur der Streitschriften. In katholischen Gebieten gewann Erbauungsliteratur einen vergleichbaren Markt. In West- und Mitteleuropa festigte sich Alphabetisierung ab den 1620ern durch die Zirkulation von Zeitungen als den gängigsten modernen Lektüreartikeln. In der letzten Hälfte des 17. Jahrhunderts weichte schließlich die Grenze zwischen dem akademischen Wissen und dem öffentlich verfügbaren auf: Zwischen den Wissenschaften und dem niederen Markt der Volksbücher war neu ein breites Angebot an „schöner Literatur“ (belles lettres) entstanden, die sich primär durch Eleganz definierte und in den Städten das bürgerliche Publikum, insbesondere das junge zwischen 20 und 40 und Frauen erreichte. Ab den 1660ern stellten sich zudem die Wissenschaften auf das breitere Interesse ein. Die Publikation in den Landessprachen wurde in Frankreich (hier betreut durch die Académie française) der Regelfall. In England gewann das Englische schlicht mit London als Druckort mit kommerziell orientiertem Buchmarkt Bedeutung. In den Niederlanden wurde ab den 1660ern auf Französisch für den gesamten europäischen Markt gedruckt, der niederländische Markt blieb unterentwickelt. In Deutschland verlief die Umstellung vom Lateinischen auf die Landessprache in den Wissenschaften dagegen vergleichsweise schleppend. Die ersten Initiativen von Christian Thomasius, deutsche Vorlesungen einzurichten, kamen einer Revolution gleich und wurden von ihm 1689 mit der Notwendigkeit, die Franzosen nachzuahmen begründet. Die Umstellung geschah hier erst im Lauf des 18. Jahrhunderts mit einer zunehmend nationalen Strömung, in der man sich von Frankreich als einem nun abschätzig betrachteten Modenlieferanten distanzierte.


Ab den 1720ern nutzten Aufklärer in Deutschland die Landessprache gezielt, um Modernisierungsprozesse außerhalb der universitären Gelehrsamkeit voranzutreiben. Noch stockender verliefen die Entwicklungen in Nord- und Osteuropa. Der deutsche Buchmarkt war in Skandinavien neben dem französischen präsent; ein eigener skandinavischer hatte hier erschwerte Startbedingungen. In Osteuropa richtete sich der Adel westeuropäisch aus; Frankreich blieb hier Orientierungspunkt. Eine kommerzielle bürgerliche Kultur der Bildung bauten Osteuropas Nationen vergleichsweise spät erst in den Nationalisierungsprozessen des 19. Jahrhunderts auf. Aufklärerische Potentiale gelangten hier über die aristokratische Oberschicht kaum hinaus.

Bis in das frühe 18. Jahrhundert hinein ist die Theologie das zentrale Diskussionsfeld. Deutlich wird dies schon in der Buchproduktion, die hier ihren Schwerpunkt behält. Im Lauf des 18. Jahrhundert verliert sie an Rang; denn die Naturwissenschaften etablieren Erkenntnisse im Gegensatz zur Bibel. Obskurantismus und Szientismus stehen einander künftig als Pole polemischer Kritik gegenüber. Die Belletristik schafft einen neuen Bereich breiter Lektüre, in dem sich die Bevölkerung mit persönlichen Leitbildern ausstattet. Die Geschichtsschreibung wird der neue Ort gesellschaftsweiter Kontroversen um die historische Selbstverortung. Die Verschiebungen zeigen sich in der ab den 1760ern stark anwachsenden Buchproduktion, die die Theologie marginalisiert, historischen und belletristischen Schriften dagegen breiten Raum bietet.

Ende des 18. Jahrhunderts wurde die gesamte Bildung schrittweise in Europa reformiert und auf die modernen öffentlichen Debatten ausgerichtet. Mit der Wende ins 19. Jahrhundert fiel die alte Teilung der universitären Wissenschaften nach den vier Fakultäten der Theologie der Jurisprudenz, der Medizin und des philosophischen Grundstudiums. Die zukunftsweisende Aufteilung der Wissenschaften sollte Naturwissenschaften und Technik, einen Bereich der Sozialwissenschaften und einen Bereich der Geisteswissenschaften schaffen. Die letzteren beiden Bereiche wurden dabei für die Debatten zuständig, die in den modernen Gesellschaften öffentlich geführt werden.

 

 

 

 

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